Feiertage und demokratisch erziehen ist gar nicht so leicht

Feiertage und demokratisch erziehen ist gar nicht so leicht

Eine kleine Anekdote, die euch vielleicht ermuntert, euch selbst immer wieder zu verzeihen und Fehler in der Erziehung nicht als Scheitern zu betrachten, sondern als Umwege, die die Ortskenntnis erhöhen:

Es ist der 1. Mai – Feiertag. Ich freue mich auf einen freien Tag mit meinen Kindern. Bin ziemlich müde, weil mein Sohn die ganze Nacht Alpträume hatte und mich fast stündlich geweckt hat – aber ich bin trotzdem guter Dinge. Weil wir es uns einfach schön machen können. Nach einer Kuschelrunde im Bett und einem gemütlichen Frühstück geht es darum, was wir heute unternehmen. Ich gerate schon fast in eine Schockstarre, weil dieses Thema bei uns unter die Top 5 der Streitthemen fällt. Mein Sohn (4 Jahre) will am liebsten in den Zoo oder nach Germendorf in den Dino-Park. Meine Tochter (8 Jahre) will – wie fast immer – einfach zu Hause bleiben. Was ich will, interessiert nur am Rande. Ich wäre schon glücklich, wenn meine Kinder sich einigen könnten. Obwohl, die Sonne scheint so schön – irgendwie nach draußen will ich schon…

Ich versuche demokratisch zu sein, spreche über einen Kompromiss, den wir sicherlich finden können. Nach 15 Minuten eskaliert die Situation, meine Tochter teilt mir mit, dass sie auf gar keinen Fall die Wohnung verlassen wird und mein Sohn brüllt mich an, ich wäre eine „Kaka-Arsch-Mama“ und zwar die schlimmste auf der Welt!
Ok, ruhig bleiben, meine Tochter ist eben gern zu Hause und mein Sohn ist jetzt wütend, weil er sich so auf den Zoo gefreut hat. Alles ganz normal. Ich bleibe geduldig und versuche weiter zu vermitteln. Aber mir fällt nicht mehr so recht ein, was ich noch sagen oder tun soll. Und meine Ruhe ist eine gespielte Ruhe, merke ich. Ich bin nämlich gar nicht mehr ruhig. Ich bin verzweifelt. Ich werde richtig wütend. Müde sein und demokratisch zugleich ist gar nicht so leicht. Mein Sohn fängt an, mich zu treten.

Da bricht es aus mir heraus und ich schreie ihn an. Laut. Mein Sohn erstarrt und fängt bitterlich an zu weinen. Das ist einer der Tiefpunkte meines Mutter-Daseins! Wir wollten doch eigentlich gemeinsam einen schönen Feiertag verbringen. Ich mache mir Vorwürfe, schäme mich, betrachte mich von außen und mache einen sehr schwachen und hilflosen Eindruck.

Ich atme durch. Ich versuche, mich wieder mit mir und meinen (hinter der Wut liegenden) Gefühlen zu verkoppeln. Ich versuche, aus der Opferhaltung herauszukommen („ich bin eine arme Mutter, die alles für ihre Kinder tut und als Dank werde ich getreten und beschimpft. Das habe ich nicht verdient…“) und authentisch und ehrlich zu sein.

Ich sage, dass ich gerade verzweifelt bin, müde und angestrengt. Dass ich unbedingt raus will in die Sonne, weil es mir sonst schlecht geht. Ich entschuldige mich und nehme meinen Sohn fest in den Arm. Er scheint gar nicht sauer auf mich zu sein. Ich erzähle davon, dass mir die Kraft fehlt, das alles grade zu managen und dass ich auch nicht weiß, was ich jetzt machen soll.

Da schlägt meine Tochter vor, doch zum Piratenspielplatz in der Buschkrugallee zu fahren. Da war sie mal mit der Schule. Der ist riesengroß mit vielen Klettermöglichkeiten und einer großen Wiese drum herum. Sie versucht meinen Sohn zu überzeugen, zeigt ihm Fotos im Internet. Er stimmt zu und schon haben wir eine Lösung. Ich bin sehr erleichtert und auch berührt vom Verhalten meiner Kinder.
Auf dem Spielplatz ist es toll. Ich schäme mich auf der Wiese aber noch weiter vor mich hin, führe Selbstgespräche: Das geht gar nicht, was du gemacht hast. Man darf seine Kinder nicht so anschreien, man muss immer geduldig sein. Vielleicht arbeitest du auch einfach zu viel und hast dann keine Kraft mehr für deine Kinder. Andere Mütter sind sicher nie so schrecklich zu ihren Kindern.

Während ich so vor mich hin denke und mich fertig mache, frage ich mich, wo diese innere Stimme eigentlich herkommt, die so starre Man-darf-nicht-Regeln hat? Vergleiche ich mich hier mit anderen Müttern, die erzählen, dass sie ihre Kinder nie anschreien? Will ich mich so sehr abgrenzen von der autoritären Erziehung meiner Mutter, dass ich aus mir eine heilige, immer geduldige, perfekte Mama machen will? Sind das noch meine Regeln oder hat sich die Stimme verselbstständigt? Und wie möchte ich in Zukunft mit dieser Stimme umgehen?

Da fällt mir das Zitat von Jesper Juul ein. Es entspannt mich immer wieder, wenn ich es in schwierigen Situationen lese oder mir selbst sage:

„Seid nicht so perfektionistisch. Bis man wirklich gut ist im Erziehen, muss man mindestens vier Kinder haben. Aber glücklicherweise brauchen und wollen Kinder keine fix und fertigen Eltern. Kinder haben viel Verständnis für Fehler – sie machen ja selbst den ganzen Tag welche und lernen daraus. Eltern fragen mich ständig: Ist es erlaubt, Kindern gegenüber laut zu werden? Natürlich ist es das, man darf heulen, schreien, alles Mögliche. Kinder brauchen lebende Eltern. Sie brauchen keine Schaufensterpuppen.“

Diese Worte nehmen die Last von mir, eine perfekte Mama-Maschine sein zu müssen und machen mich wieder zu einem Menschen. Ich will authentisch sein – und gleichzeitig Verantwortung für mein Handeln übernehmen. Das heißt für mich, dass ich mein Verhalten immer wieder reflektiere. Mir hilft es unglaublich, mir bewusst zu machen, WIE ich mit meinen Kindern spreche, WARUM ich so fühle in dieser Situation, WAS meine Worte mit meinen Kindern machen und wie ich die Umstände oder meine Kommunikation ändern kann, um in Zukunft flexibler agieren zu können. Denn mein übergeordnetes Ziel ist es natürlich, dass aus meinen Kindern selbstbewusste, empathische und glückliche Erwachsene werden.

Es geht für mich im Zusammenleben mit Kindern darum, Fehler machen zu dürfen, sich zu verzeihen, zu reflektieren, Erkenntnisse zu haben, zu versuchen, es anders zu machen, wieder Fehler zu machen usw. Denn Erziehung ist ein Prozess und kein Produkt, das irgendwann fertig ist. Auf dieser Grundlage des Verzeihens wird es mir überhaupt erst möglich, als Mutter zu wachsen. Sonst bin ich ständig mit der Kompensation meiner Fehler beschäftigt.

Und mit meinen Kindern als Mensch zu wachsen ist für mich eines der erfüllendsten Dinge in meinem Leben. Ich finde es fundamental wichtig, immer lebendig und wachsam zu bleiben, mein Verhalten als Mutter zu reflektieren, nicht ständig in impulsive Reaktionsmuster zu verfallen, Gefühle und Handlungen wirklich zu verstehen, auch den damit verbundenen Schmerz zuzulassen und anzunehmen, dazuzulernen, Neues zu probieren, etwas zu wagen, auch wenn ich noch nicht weiß, ob es funktionieren wird – und nichts hinzunehmen, auszusitzen oder durchzuhalten.


Die Kommentare sind geschloßen.